EDITORIAL des IPB-Newsletters 05/08

Hamburg | 21.05.2008 | Ostler, Pauls | ca. 9.600 Zeichen

Neue Verfahren, innovative Produkte und gute Ideen verändern täglich unseren privaten und beruflichen Alltag. Welchen unmittelbaren Nutzen Patente für uns haben und welche Möglichkeiten die Zukunft für uns bereithält, möchte ich Ihnen in dieser Ausgabe des Newsletters vorstellen. Weiteres Thema dieser Ausgabe ist der Patent Award 2008.

Es geht um die Rohwurst*

400 Millionen Kilogramm Rohwurst werden jährlich in Deutschland produziert. Prof. Dr. Dr. Markus Seewald von der Hochschule Anhalt hat viele Jahre Forschungsarbeit investiert, um die beliebten Wurstsorten wie Salami und Teewurst noch schmackhafter, aromatischer und länger haltbar zu machen.

Das von ihm entwickelte Verfahren zur Herstellung von Rohwurst ersetzt die bisher notwendigen Starterkulturen durch Vitamin B9. Zahlreiche Versuche haben eine Vielzahl technologischer und wirtschaftlicher Vorteile der Rohwurstproduktion bewiesen. Neben einer erhöhten Produktionssicherheit, der schnelleren Reifung und intensiveren Aromabildung schneiden Rohwürste mit Vitamin B9 auch in der Farbentwicklung und Haltbarkeit deutlich besser ab, als die herkömmlich produzierten Würste mit den sensiblen Starterkulturen. Das erfindungsgemäße Herstellungs-verfahren ermöglicht einfache Produktionsbedingungen, da keine Reiferäume mehr benötigt werden. Weiterhin ist Vitamin B9 deutlich preisgünstiger als die Starterkulturen. So bietet sich jetzt auch Betrieben, die bisher keine Rohwurst herstellen konnten, die Möglichkeit, die eigene Produktpalette um hausgemachte Rohwurst zu erweitern.

„In einem laufenden Forschungs- und Entwicklungsprojekt möchte ich zudem die gesundheitlichen Vorteile, die durch die Zugaben von Vitamin B9 entstehen, nachweisen“, sagt Professor Seewald. Das Vitamin schützt unter anderem vor Arteriosklerose und Herzinfarkt.

Zusammen mit den Patentspezialisten der IP Bewertungs AG (IPB) hat Seewald eine Verwertungsstrategie für seine Erfindung erarbeitet. Interessierte Fleischereien, vom kleinen und mittleren Einzelhändler bis hin zu Großunternehmen, werden kontaktiert und besucht. Auf Wunsch werden dann vor Ort Rohwürste mit Vitamin B9 zubereitet.

„Der gute Geschmack und das unverwechselbare Aroma sowie die Vorteile in der Produktion haben schon viele Fleischermeister überzeugen können“, berichtet Seewald.


Innovative Papierherstellung

Neapel versinkt im Müll. Tonnenweise verschimmeln Essensreste, alte Plastikbecher und Verpackungsmaterialien aus Kunststoff füllen die Straßen der drittgrößten Stadt Italiens. Würde sich anstatt des Mülls Altpapier auf den Gehwege stapeln, wäre die Stadt nicht nur um ein Problem ärmer sondern auch um einige Euro reicher.

Im Gegensatz zu stinkenden Abfällen lässt sich mit Papier derzeit gutes Geld verdienen. Bis zu 100 Euro je Tonne bekommen beispielsweise Papiersammler für die Altware in Deutschland. Das ist doppelt so viel wie noch vor eineinhalb Jahren. Altpapier ist für die Papierfabriken mittlerweile einer der wichtigsten Rohstoffe bei der Papiererzeugung, seit die Holzpreise zuletzt regelrecht explodiert sind.

Eine innovative und umweltschonende Alternative zu Holz und Altpapier ist das MEA-Verfahren zur Herstellung von Zellstoff aus Biomasse*. Mehr als eine Milliarde Tonnen der unterschiedlichen Stroharten mit einem Mindestanteil an Zellulose von 30 Prozent werden jährlich weltweit produziert. Wirtschaftlich genutzt werden sie jedoch kaum. Das Monoethanolamin (MEA)-Verfahren setzt genau auf diese, im Überfluss vorhandenen nachwachsenden Rohstoffe.

Der patentierte Herstellungsprozess zeichnet sich durch eine Vielzahl neuer Verfahrensparameter wie der Reihenfolge der einzelnen Verfahrensschritte, einer sehr hohen MEA-Rezyklierungsrate und geringen Drücken aus. Weiterhin unterscheidet sich das MEA-Verfahren, das sich in dieser Form zum ersten Mal funktionsfähig und als ernsthafte Konkurrenz zu anderen Papierzellstoff-Verfahren etablieren kann, durch kurze Herstellungszeiten, hohe Ausbeute und Reinheit.

Die erfindungsgemäße Vorgehensweise erlaubt die Herstellung von Papier- und Chemiezellstoffen. Die fast vollständige Entfernung des Lignins ermöglicht eine besonders effektive Auftrennung des Rohstoffs Stroh in seine Bestandteile. So können in einem weiteren Veredelungsschritt Hemizellulosen und Zellulosen getrennt werden, wodurch hochwertige Produkte entstehen. Auch das erhaltene Lignin kann weiterverwendet und beispielsweise als Energieträger zur Dampfproduktion, als Langzeitdünger oder als Ausgangprodukt für Aromen und Pharmazeutika weiterverkauft werden.

Der aus dem MEA-Verfahren hervorgehende Zellstoff zeichnet sich vor allem durch hohe Viskosität und Reißfestigkeit aus und eignet sich daher ausgezeichnet für die Verarbeitung zu hochwertigen Endprodukten.

Das Müllproblem in Neapel kann das MEA-Verfahren nicht lösen. Doch es kann helfen, den Waldbestand in Deutschland zu schützen. Allein hierzulande liegt der jährliche Holzeinschlag für die Papierherstellung bei rund zehn Millionen m³. Ein Großteil davon könnte jährlich eingespart werden, wenn die Unternehmen auf die 2,5 Milliarden Tonnen für die Zellstoffstoffherstellung geeigneten Nichtholzpflanzen zurückgreifen würden. Das patentgemäße MEA-Verfahren hat eine technische und wirtschaftlich rentable Möglichkeit dafür geschaffen.


– Neues vom Patent Award 2008 –

Die Resonanz auf den Patent Award ist bei den Zielgruppen Hochschulen, Instituten, KMU und freien Erfindern durchweg positiv. Täglich erreichen das Patent Award Team neue Patente und Anfragen aus ganz Deutschland. Besonders im Bereich BioTech stößt die Initiative der IPB auf großes Interesse. In den nächsten Tagen und Wochen sind bundesweit Info-Veranstaltungen rund um den Patent Award 2008 geplant, zu denen Sie herzlich eingeladen sind.

Übersicht Veranstaltungen Patent Award 2008

21.-23. Mai 2008: GRUR Jahrestagung in Stuttgart
26. Mai 2008: TTI Magdeburg
4. Juni 2008: PIZ Stuttgart
5. Juni 2008: GWT Dresden (Dresden, Leipzig, Cottbus)
26. Juni 2008: IHK Duisburg


4 Fragen an Jurymitglied Dr. Klaus-Dieter Langfinger

In dieser Ausgabe des Newsletter beantwortet Jurymitglied Dr. Klaus-Dieter Langfinger, Partner der Kanzlei Dres. Fitzner & Partner und Präsident LES Deutschland vier Fragen zur Patentsituation in Deutschland und dem Patent Award.

Herr Dr. Langfinger, Sie sind Jurymitglied des Patent Award 2008 – dem Zukunftspreis der IPB. Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewegt?
Der Schutz von Erfindungen und deren erfolgreiche Umsetzung zu Innovationen sind überlebensnotwendig für den Standort Deutschland. Dafür das Bewusstsein zu stärken, möchte ich unterstützen. Die wirtschaftliche Verwertbarkeit ist es auch, und das ist meines Erachtens der richtige Faktor, die beim Patent Award 2008 das wichtigste Bewertungskriterium ausmacht. Ein Patent ohne wirtschaftliche Verwertbarkeit ist letztlich eine Fehlinvestition von Ressourcen.

Welche Strategien können Sie Patentinhabern zur Verwertung Ihres geistigen Eigentums empfehlen?
Wesentlich für die erfolgreiche Verwertung ist die Umsetzung einer Erfindung zu einer Innovation, d.h. ein wirtschaftlich verwertbares Produkt. KMU und Einzelerfindern fehlen häufig Ressourcen und Mittel, diesen Weg erfolgreich zu gehen. Wichtig ist daher für diese Patentinhaber die Kooperation mit einem finanzstarken Partner oder die Beschaffung von Kapital. Hier können Venture Capital oder die neue Finanzierungsform der Patentverwertungsfonds Hilfestellung leisten. Entscheidend für die Verwertbarkeit über diese Finanzierungsinstrumente ist die materielle Bestandskraft und Durchsetzbarkeit des Patents. Diese wird geprägt durch eine gute Formulierung abgegrenzter und im Verletzungsfall nachweisbarer Patentansprüche, weshalb hier besondere Sorgfalt angezeigt ist. Darüber hinaus muss natürlich auch ein tatsächlicher oder zumindest ein vielversprechender potenzieller Markt vorhanden sein - mag ein Patent auch eine hohe Rechtsbeständigkeit aufweisen, so ist es ohne Marktpotenzial dennoch nicht verwertbar.

Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach Patente für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
Patente sind der Investitionsschutz für Aufwendungen in F&E. Aufgrund seiner Rohstoffarmut und des hohen Preisniveaus ist der Standort Deutschland auf technologischen Vorsprung zum Erhalt der globalen Wettbewerbsfähigkeit angewiesen. Dieser Vorsprung ist nur durch intensive F&E zu halten. Patente sind damit essentiell für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Erfindung bzw. das bedeutendste Patent der Geschichte?
Eine bahnbrechende Erfindung, die für die gesamte Menschheit von Bedeutung war, ist das Rad, auch wenn dieses nicht patentgeschützt war.
Die Entstehung des industriellen Zeitalters wurde in erheblichem Maße von der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt geprägt und die Entwicklung der Telephonie durch Philipp Reis und Alexander Graham Bell haben der zwischenmenschlichen Kommunikation bis dahin ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Last but not least fiele mir im Bereich der Medizin die Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming und die Entdeckung der Röntgenstrahlung durch Conrad Wilhelm Röntgen ein, die sicherlich segensreich waren und vielen Menschen das Leben gerettet haben.

*Die Patente sind Eigentum der ZYLUM Beteiligungsgesellschaft mbH & Co. Patente II KG



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